Liebe Liane, wir müssen noch einmal über Politik und Religion reden

Buddy_christ

By Source, Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=17362087

In Deinem Text „O’naglt is“ – Markus Söder und die Kreuzanbringung zeichnest Du ein Bild der CSU als einer Partei, die in kopflosen Aktionismus verfallen sei und darüber vollkommen den intellektuellen Kompass verloren habe. Als alte Freunde, die wir sind, möchte ich Dir persönlich antworten. Dabei geht es mir aber – ausnahmsweise mal – nicht darum, die Vereinsfarben meiner CSU hochzuhalten. Ich bin ja selbst nicht der Meinung, dass die Sache mit den Kreuzen in Amtsstuben ein besonders smarter move war. Mich interessieren viel mehr die Prämissen Deiner Kritik, weil sie mir in dieser Form immer wieder im konservativen Binnendiskurs mit der Schwesterpartei CDU und ihren Sympathisanten in der CSU begegnen.

Absolute Mehrheiten – Nur noch provinzielle Folklore?

Da wäre zunächst mal die Sache mit der absoluten Mehrheit, ein Ziel das für die CDU in so weiter Ferne scheint, dass es aus dem kühlen Norden betrachtet wie provinzielle bayerische Folklore anmuten muss:

„Wer Bayern gut kennt, weiß, was eine Landtagswahl für die CSU unbedingt und unter allen Umständen sein muss: eine Art Krönungsmesse, eine Zementierung der in einer Demokratie maximal möglichen Macht, profan „absolute Mehrheit“ genannt. Sie muss her, diese absolute Mehrheit, und zwar im Bayerischen Landtag, beherbergt im Maximilianeum, hochthronend über der luxuriösen Maximilianstraße. Wer dort jemals mit absoluter Mehrheit die Sitzplätze gefüllt und mit diesem Gefühl auf die von König Max dem Zweiten so prächtig ausgebaute Stadt geblickt hat, na der wird, – Herrschaftszeiten! – doch nie wieder auch nur im Ansatz die Wiederholung des Desasters von 2008 antizipieren wollen.“

Ach „Herrschaftszeiten!“, diese putzigen Bayern, mit ihrer anachronistischen „Krönungsmesse im Maximilianeum“, meilenweit von der ausgeklügelten asymmetrischen Demobilisierung entfernt, die der Union immer Ergebnisse beschert, so dass im Bund nicht gegen sie, sondern nur mit ihr regiert werden kann. Das eignet sich auch viel besser für Koalitionen mit SPD und Grünen und entsprechend breite gesellschaftliche Patch-Work-Bündnisse gegen rechts, als diese verstaubte konservative Weißwursthegemonie ( … Du erlaubst hoffentlich unter alten Freunden, die wir sind, den Widerhall des launigen Elans mit dem Du Deinen Text betitelt und begonnen hast …)

Wenn vor diesem Hintergrund die CSU nervös erscheint, dann ist die CDU, bei aller gebotenen Geschwisterliebe, völlig phlegmatisch und damit ebenso weit entfernt von dem von Dir geforderten fröhlichen Franz-Josef-Strauß-Konservativismus – nur quasi in entgegengesetzter Richtung. Wir Christsozialen erinnern uns noch zu gut wie Angela Merkel im August 2015 in München weilte und es vorzog, der Strauß-Gedenkfeier auf Grund von „Terminproblemen“ fernzubleiben. Kein Wunder, war doch Strauß nach den zu seinen Lebzeiten geltenden Maßstäben rechts und wäre es nach den heutigen gleich dreimal.

Immer wieder das Vakuum und der Salon

Vor allem ist Strauß ein völlig unbrauchbarer Gewährsmann für die These, dass das Abdecken rechter Positionen die Parteien am Rand nur salonfähig machen und stärken würde. Der berühmte Spruch mit der Wand meint, dass die CSU kein inhaltliches Vakuum entstehen lassen darf, in das eine Truppe wie die AfD hineinstoßen könnte. Wir beide, liebe Liane, haben schon viel und, was mich angeht mit Gewinn, über das Vakuum und den Salon gestritten. Dazu möchte ich nur mal anmerken, dass es keinen belastbaren empirischen Befund gibt, der die Ausschließlichkeit begründen würde, mit der Du die These vertrittst, dass jede Kurskorrektur am rechten Rand automatisch den Populisten hilft. Inzwischen bekämpfen sogar liberale Pro-Europäer wie Macron oder Rutte den rechten Rand mit rechten Positionen. Das müsste doch zu denken geben …

Der Einwand mit der Salonfähigkeit ist trotzdem berechtigt. Aber wenn er dazu führt, dass überall nur noch über „Sound“ oder „Sprech“ oder „Insinuation“ spekuliert wird, dann lenkt das erstens von Inhalten und Sachfragen ab – wem das nutzt, brauche ich wohl nicht zu sagen. Und zweitens erstickt es jede Reformdebatte innerhalb der Unionsparteien im Keim. Und das kommt wohlgemerkt nicht von der Gegenseite, sondern aus den eigenen Reihen: Ruprecht Polenz steht exemplarisch für das Verleumden und Abwürgen der bitter notwendigen Frage, wie man Wähler von der AfD zurückgewinnen und wieder absolute Mehrheiten erzielen kann. Deinem mir sehr sympathischen Projekt der Definition und Abgrenzung eines modernen Konservativismus ist das überhaupt nicht zuträglich.

Stimmt – Die Religion muss vor der Politik geschützt werden. Und zwar vor jeder Politik

Nach diesem impulsiven Vortrag wirst Du Dich wundern zu hören, dass ich Dir in dem Vorwurf der Profanisierung des Kreuzes durch seine Politisierung in weiten Teilen folgen kann. Das Kreuz ist kein kultureller Identitätsstifter. Das gilt aber nicht nur für die bayerische Leitkultur, die ein Markus Söder im Sinn hat, sondern auch für eine bestimmte liberale Prägung der Demokratie im Sinne einer offenen Gesellschaft. Oder kurz: Das Kreuz ist auch kein Symbol gegen rechts.

Mich wundert also, dass Dich Deine Betrachtungen der Vermengung von Religion und Politik nicht bis ins Jahr 2015 zurückgeführt haben, als eine sachliche Diskussion der Risiken offener Grenzen in Zeiten der Massenzuwanderung mit dem Gebot christlicher Nächstenliebe totgeschlagen wurde. Die linkspopulistische Instrumentalisierung des Kreuzes – hier ein kleines FB-Sammelsurium – für „Refugees-Welcome“ und „Kein-Mensch-ist-illegal“ darf ebenfalls als politische Profanisierung gelten, vor der unser christlicher Glaube geschützt werden muss.

In diesem Sinne hätte man als Christ 2015 sagen können: „Der Staat muss tun, was Rechtens ist. Die Politik muss einen schmalen Grat zwischen Nächstenliebe und Wahrhaftigkeit bewältigen. Wir können nichts als für unsere Staatsoberhäupter beten, dass sie der Heilige Geist erleuchten und bei ihrer schwierigen Aufgabe leiten möge!“. Hat man aber nicht. Stattdessen hat man die CSU dafür gemaßregelt, zweihunderttausend Flüchtlingen im Jahr Schutz bieten zu wollen, und damit die Finger tief in die verbotene Keksdose der Vermischung von Staat und Kirche gesteckt. Und jetzt möchte eben auch Markus Söder etwas Zucker und sagt, wenn schon Christentum, dann aber die komplette Packung, sozusagen „Nächstenliebe inklusive Leitkultur“. Das muss man nicht mögen, es ist aber auch nicht völlig irrational.

Wir brauchen keinen Klerikalismus, auch keinen linken

Auf meine Raushalte-Forderung kann man zwei Dinge erwidern. Erstens kann man fragen, ob die Kirchen schweigen sollen, wenn ein Land ins Autoritäre abdriftet. Dazu: Ich schätze die Bedrohungslage auf der Diktaturskala für Deutschland offensichtlich anders ein als Du. Die Bundesrepublik hat die gottlosen Mörder der RAF und ihre Verharmlosung im linksintellektuellen Milieu überstanden, ohne zur linken Terrordiktatur zu werden, sie wird auch die AfD und das ganze braune Gesocks in ihrem Dunstkreis ohne einen Rückfall in den Nationalsozialismus überstehen. Im Unterschied zu Dir vertraue ich auf unsere Demokratie, dass sie es auch ohne himmlische Hilfe schafft.

Zweitens ist auch die Frage berechtigt, was Pfarrer und Bischöfe denn überhaupt noch sagen können, wenn sie sich komplett aus der Politik heraushalten sollen. Was das angeht, formulierst Du es selbst sehr treffend:

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Die Bedeutung dieses Satzes erfasst der Fromme durch die persönliche Beziehung zu Gott und Jesus, vor allem auch im Gebet.“

Die Kirchen sind für das Seelenheil der Gläubigen und nicht für die politische Kultur des Landes zuständig, ihre Wirkungsmacht liegt im Gebet und nicht in opportunen Pressestatements. In diesem Sinne möchte ich Dir unter uns Christenkindern den Gastkommentar von Martin Grichting, Generalvikar des Bistums Chur, in der Welt aus dem Januar ans Herz legen. Darin warnt er vor einer Rückkehr des Klerikalismus, wenn die religiöse Autorität der kirchlichen Hierarchie missbraucht wird, um (tages-)politische Fragen zu klären. Stichworte dafür sind amtskirchliche Stellungnahmen mit „Jesus-Stempel“ zur Angemessenheit der Nutzung der Atomkraft, zur Migrationspolitik oder zur moralischen Qualifizierung genehmer und nicht genehmer Parteien.

Mein Vorschlag zur Güte: Entweder wir einigen uns auf eine prinzipielle Distanz der Religion gegenüber jeder politischen Strömung sowie darauf, dass sich Christen auf die Suche Gottes und Nachfolge Christi im Gebet verlegen sollten. Oder aber wir müssen uns auf ewig streiten, in dieser und wenn es dumm läuft sogar noch in der nächsten Welt. Aber auch das wäre mir selbstverständlich ein Vergnügen!

Sehr herzlich,

Dein Philipp

 

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